Zahlen · · 6 Minuten Lesezeit
Jeder sechste Gast isst mit Einschränkung: Allergien und Unverträglichkeiten in Zahlen
Von Shideh Heravi, Gründerin
Ein Abend, 100 Gäste. Rund fünf davon haben eine ärztlich festgestellte Nahrungsmittelallergie, etwa zehn eine Unverträglichkeit, die sie beim Bestellen einschränkt. Sie sitzen nicht an einem eigenen Tisch. Sie sind die Frau, die die Sauce weglässt, der Mann, der dreimal nachfragt, das Kind, für das die Eltern vorher angerufen haben. Dieser Beitrag rechnet nach, wie viele es sind, woher die Zahlen kommen, und was sie für die Speisekarte bedeuten.
- 4,7 % der Erwachsenen in Deutschland hatten schon einmal eine Nahrungsmittelallergie1
- 9,9 % der Kinder und Jugendlichen1
- 10 % der Befragten nennen mindestens eine Lebensmittelunverträglichkeit2
Allergie und Unverträglichkeit sind zwei verschiedene Dinge
Eine Nahrungsmittelallergie ist eine Reaktion des Immunsystems. Schon kleinste Mengen können Hautausschlag, Atemnot oder einen anaphylaktischen Schock auslösen. Sie ist selten, aber gefährlich, und sie ist der Grund, warum die LMIV 14 Allergene auf jeder Karte verlangt.
Eine Unverträglichkeit ist keine Immunreaktion, sondern ein Stoffwechselproblem: Bei Laktoseintoleranz fehlt das Enzym, das Milchzucker spaltet, bei Fruktosemalabsorption nimmt der Darm den Fruchtzucker nicht auf. Die Folgen sind unangenehm, nicht lebensbedrohlich. Die Zöliakie steht dazwischen: eine Autoimmunerkrankung, bei der Gluten die Darmschleimhaut angreift, und die strikt glutenfreies Essen verlangt.
Für den Gast am Tisch ist der Unterschied zweitrangig. Beide Gruppen müssen vor dem Bestellen wissen, was im Gericht ist, und beide entscheiden danach, ob sie wiederkommen.
Wie viele es sind
| Gruppe | Anteil | Quelle |
|---|---|---|
| Erwachsene mit Nahrungsmittelallergie, Deutschland | 4,7 % (jemals), etwa 3 % aktuell | RKI, Studie DEGS11 |
| Kinder und Jugendliche mit Nahrungsmittelallergie, Deutschland | 9,9 % | RKI, Studie KiGGS1 |
| Bevölkerung mit Nahrungsmittelallergie, Österreich | 4,9 % | Österreichischer Allergiebericht3 |
| Kinder mit Nahrungsmittelallergie, Österreich | rund 4 % | Österreichische Gesellschaft für Ernährung4 |
| Laktoseintoleranz, Deutschland | 10 bis 15 % | Bundeszentrum für Ernährung5 |
| Zöliakie, Mitteleuropa | rund 1 % | Deutsche Zöliakie-Gesellschaft6 |
| Mindestens eine Unverträglichkeit, Deutschland, Selbstauskunft | 10 % | Statista Consumer Insights2 |
Allergien und Unverträglichkeiten im deutschsprachigen Raum. Die Zahlen stammen aus verschiedenen Erhebungen und lassen sich nicht einfach addieren, weil sich die Gruppen überschneiden.
Rechnet man vorsichtig, ohne die Überschneidungen doppelt zu zählen, kommt man auf rund 15 Prozent der Erwachsenen, die beim Essen eine Zutat meiden müssen. Das ist jeder sechste bis siebte Gast. Bei Familien mit Kindern liegt der Anteil höher, weil Kinder fast doppelt so oft betroffen sind wie Erwachsene.
Und die Zahl steigt. Das Robert Koch-Institut zählt in Deutschland über 20 Prozent der Kinder und über 30 Prozent der Erwachsenen mit mindestens einer allergischen Erkrankung im Lauf ihres Lebens.1 Eine Antwort der Bundesregierung spricht von mehr als 23 Millionen Allergikern.7 Nahrungsmittelallergien sind ein Teil davon, und bei Kindern der häufigste Auslöser in den ersten Lebensjahren.3
Was das für einen Betrieb heißt
Nehmen wir das Restaurant mit 100 Gästen an einem Abend noch einmal.
- 15 Gäste müssen vor dem Bestellen eine Frage klären: Ist Milch drin, ist Gluten drin, sind Nüsse drin.
- Jeder dieser Gäste entscheidet für den Tisch mit. Eine Allergikerin sucht das Restaurant für die Familie aus, ein Zöliakiebetroffener das Lokal für den Firmenabend. Wer ihn nicht bedienen kann, verliert nicht einen Gast, sondern vier.
- Die Frage kostet Zeit. Der Service geht in die Küche, die Küche schaut ins Rezept oder rät. Bei 15 Gästen sind das 15 Wege, an einem vollen Abend.
- Eine falsche Antwort kostet mehr als Zeit. In Kanada hatten je nach Stichprobe 27 bis 43 Prozent der Allergiker schon eine Reaktion, die mit einem Gastronomiebetrieb zusammenhing.8 Aus Deutschland gibt es dazu keine vergleichbare Erhebung, aber keinen Grund, andere Zahlen anzunehmen. Was so ein Abend aus Sicht des Gastes bedeutet, steht in Warum Allergiker nicht wiederkommen.
Die Betroffenen wissen das. Deshalb suchen sie nicht das beste Restaurant, sondern das, in dem sie nicht fragen müssen.
Was ein Gast auf der Karte sucht
Wer mit einer Allergie oder Unverträglichkeit lebt, liest eine Speisekarte anders. Er sucht zuerst nicht, was ihm schmeckt, sondern was er darf. Drei Dinge entscheiden in den ersten Sekunden:
- Stehen die Allergene bei jedem Gericht? Ein allgemeiner Hinweis „Fragen Sie unser Personal“ heißt für den Gast: Ich muss mich outen, ich muss warten, ich muss der Antwort vertrauen.
- Sind sie vollständig? Ein Gericht mit „A, G“ ist glaubwürdiger als ein Gericht ohne Angabe. Fehlt bei einem Gericht die Kennzeichnung, zweifelt der Gast an allen anderen.
- Kann ich filtern? Auf einer digitalen Karte tippt der Gast „ohne Milch“ und sieht nur noch, was er bestellen kann. Das ist der Moment, in dem aus Einschränkung wieder Auswahl wird.
Die Kennzeichnung ist gesetzlich Pflicht, in Österreich seit Ende 2014 mit dem Buchstabencode A bis R, in Deutschland nach der LMIDV.9 Was die LMIV im Einzelnen verlangt, steht in LMIV-Software für die Gemeinschaftsverpflegung. Aber die Pflicht ist die untere Grenze. Der Gast merkt den Unterschied zwischen einer Karte, die die Allergene notgedrungen anhängt, und einer, die ihm die Auswahl zurückgibt.
Was HealthBlokk dafür tut
HealthBlokk liest eine Speisekarte aus einem Foto oder PDF und schlägt für jedes Gericht die 14 Allergene nach Anhang II der LMIV vor, pro Zutat. Die Küche prüft und gibt frei; nichts erscheint ungeprüft. Gäste öffnen die Karte per QR-Code am Handy, sehen die Allergene bei jedem Gericht und filtern nach dem, was sie meiden. Die Auswahl bleibt auf dem Gerät des Gastes, weil eine Allergie ein Gesundheitsdatum ist.
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Häufige Fragen
Wie viele Menschen haben eine Nahrungsmittelallergie?
In Deutschland hatten nach Daten des Robert Koch-Instituts 4,7 Prozent der Erwachsenen schon einmal eine Nahrungsmittelallergie, bei Kindern und Jugendlichen sind es 9,9 Prozent. In Österreich nennt der Allergiebericht 4,9 Prozent der Bevölkerung.
Wie viele Menschen haben eine Lebensmittelunverträglichkeit?
Zehn Prozent der Befragten in Deutschland geben mindestens eine Unverträglichkeit an. Am häufigsten ist die Laktoseintoleranz mit 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung, gefolgt von Fruktosemalabsorption; die Zöliakie betrifft rund ein Prozent.
Muss ein Restaurant Unverträglichkeiten kennzeichnen?
Nein. Pflicht sind die 14 Allergene nach Anhang II der LMIV, und Laktose und Gluten fallen darunter, weil Milch und glutenhaltiges Getreide auf der Liste stehen. Fruktose oder Histamin müssen nicht ausgewiesen werden. Wer es freiwillig tut, gewinnt die Gäste, die sonst nicht kommen.
Wie viele Gäste in einem Restaurant sind betroffen?
Rechnet man Allergien und Unverträglichkeiten zusammen und zieht die Überschneidungen ab, sind es rund 15 Prozent der Erwachsenen, also jeder sechste bis siebte Gast. Bei Familien mit Kindern ist der Anteil höher.
Quellen
-
Robert Koch-Institut: Häufigkeit allergischer Erkrankungen in Deutschland, Ergebnisse der Studien DEGS1 und KiGGS ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Statista Consumer Insights: Anteil der Befragten, die mindestens eine Lebensmittelintoleranz haben ↩ ↩2
-
Österreichischer Allergiebericht, zitiert im Faktencheck Nahrungsmittelallergie der MedUni Wien ↩ ↩2
-
Open Science Österreich: Wissenswertes zu Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, mit Zahlen der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung ↩
-
Laktoseintoleranz, Verbreitung in Deutschland, Wikipedia mit Verweis auf das Bundeszentrum für Ernährung ↩
-
Deutsche Apotheker Zeitung: So leben Zöliakie-Betroffene gesund und beschwerdefrei ↩
-
Deutscher Bundestag: Mehr als 23 Millionen Allergiker in Deutschland ↩
-
Food Allergy and Foodservice: A Comparative Study of Allergic and Non-Allergic Consumers, Nutrients 2025, Kanada, 1.500 Befragte ↩
-
WKO: Allergenkennzeichnung bei offen angebotenen Lebensmitteln in der Gastronomie ↩